Nacht grenzt an Tag

nacht grenzt an tag.
am horizont des abends gehen gefühle auf und gedanken unter.
beide halten sich fest zum abschied, haben sich unter kontrolle, möchten in den himmel schreien.
er-sie. sie-er.
eine wagentür, die ins schloss fällt. letzte blicke, die sich treffen.
er.
sie.
ein verzweifeltes nachfassen wollen.
sie.
er.
bewegen sich fort, in entgegengesetzte richtungen, voneinander.
ein jeder allein mit den erinnerungspartikeln, die nur langsam auf den grund der seele sinken.
ein jeder allein mit dem frieren unter der haut und spürt doch nicht die kälte, die nässe, noch den regen.
stille.
und weiter unten am wilden strand, an dem sie einst standen, atmet der see friedvolles nachtblau aus.

er:
nasskalte straßenmonotonie.
die nüchternheit des moments schiebt sich durch die ritzen des wagens, der sich langsamer nach norden bewegt, als er könnte.
reifen singen leise.
nacht.
regen.
rückblenden, reflexionen, glänzender asphalt.
und leere auf dem dunklen rücksitz.

sie:
ein leerer parkplatz.
die entscheidung, nicht nach hause zu gehen oder wo das ist.
lieber ein stück der alten wege gehen, um wertvolle stunden abzuschreiten.
nacht.
regen.
glänzende wege.
wege, die nicht mehr dieselben sein werden.

später:
heimkehr.
angekommen sein.
wo?
müdigkeit.
erfülltsein und leere ringen um die vorherrschaft, gedanken und gefühle reiben sich auf.

irgendwo:
das wärmeecho zweier menschen zwischen laken aufgebahrt,
die sehnsucht im halbdunkel geborgen.
ein blick hinaus zum fenster, in den nachthimmel, der sich hinter fetzengrau versteckt.
ein sehnen. und doch schwingt ein einzelnes sternenlicht in kalter luft.
kein laut.
nur das pochen.
da innen.

woanders:
schlägt abebbende brandung an einen einsamen wilden strand.

© Síle Marlin