Charley Bowers in "Egged On" 1926

Ausgerechnet eine Romanbiographie

„Charley Bowers – Eine Romanbiographie“ oder „Ein ehrgeiziges Buchprojekt im Selbstversuch“

Charles R. Bowers hieß der Herr, seinerzeit begnadeter Cartoonist und Pionier des frühen amerikanischen Animationsfilms mit einer Vorliebe für Lügengeschichten, Rube Goldberg Maschinen und Hühnereier.

Sein Name ist nur wenigen Cineasten und Fans alter Slapstickfilme ein Begriff – dem breiten Publikum ist Bowers nahezu unbekannt.
Charley Bowers jedoch auf eine Randerscheinung der Filmgeschichte zu reduzieren, würde ihm nicht gerecht werden – schließlich soll er den Untergang der Stummfilm-Ära durch die Erfindung rutschfester Bananenschalen eingeleitet haben, munkelt man.

Wie in der Fragerunde zum Liebster Award erwähnt, arbeite ich derzeit und bis auf weiteres für die nächsten Äonen an dieser Romanbiographie über Charley Bowers.
Hätte man mich vorgewarnt, dann hätte ich mich (evtl.) im Vorfeld über zeitfressende Recherchen, Burnout und postmortales Persönlichkeistrecht informiert und trotzdem nicht die Pfoten von diesem Projekt gelassen.
Mittlerweile sind mehrere Kapitel abgedreht geschrieben, sodass es keinen Sinn mehr machen würde, mich davon abbringen zu wollen.

Klappe, die zweite:
Charley Bowers, so sein Künstlername, geboren 1889 (anderslautenden Quellen 1877/1887) in Iowa – 1946 gestorben in New Jersey, arbeitete zunächst als Cartoonist für einige namhafte Tageszeitungen, trat dann als Auftragsproduzent von über 300 Mutt & Jeff Zeichentrickfilmen in Erscheinung – naheliegend, dass er darüber den Schritt in die Traumfabrik wagte.
Infolge drehte er Mitte der Zwanziger Jahre mehrere Kurzfilme in Eigenregie. Kombinierte Real- mit Trickszenen, für die er (glaubt man seiner Selbstdarstellung) eigens eine Stop-Motion-Technik, sog. Bowers Process, entwickelt hatte; überdies agierte er selbst als Hauptakteur in seinen Komödien.
Doch das Filmbusiness ist bekanntermaßen eines der härtesten – von Hollywood verbannt (aus Gründen, die ich bisher nur vermuten kann), verschwand er in den Dreißigern weitgehend von der Bildfläche und geriet in Vergessenheit.
Soweit die groben Eckdaten.

Schnitt.
Die Geschichte geht so:

Es war einmal in den 70ern, da kaufte Raymond Borde, französischer Filmkritiker und -archivar, einem Wanderzirkus mehrere alte Filmrollen ab, darunter ein mit „Bricolo“ betitelter Film, dessen Hauptmime Borde gänzlich unbekannt war. Borde stellte Nachforschungen an, konnte den Komödianten schließlich identifizieren und trug so zur Wiederbelebung der Person Charles Bowers bei.
Zugegeben zu phantastisch, um wahr zu sein, und doch entspricht es den Tatsachen.

Charley Bowers Whirlwind Comedies
Charley Bowers Whirlwind Comedies

Wenn man zum ersten Mal ohne jegliche Hintergrundinformation Bekanntschaft mit einem Bowers-Film macht, zweifelt man an dessen Echtheit und vermutet eine Flunkerei im Stile von Forgotten Silver.
So ging es mir. Meine erste Bowers-Erfahrung, „Egged On“, hielt ich für einen – zugegeben – genialen Hoax, für einen „Retro“-Film, der vorgibt, aus einer bestimmten Zeit zu sein und sich damit in das Genre Mockumentary oder Found Footage einreiht.
Der „Darsteller“ Bowers, in seiner Rolle mal an Buster Keaton, mal an Harry Langdon erinnernd, konnte aufgrund dieser Ähnlichkeiten nur eine fiktive Person sein – somit interpretierte ich auch die weiteren Filme als Hommage an die Stummfilmzeit, befragte das Internet nach den eigentlichen Machern dieser Streifen, wurde eines Besseren belehrt und kam fortan aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Mit jeder Antwort, die ich fand, kam eine neue Frage auf.
So führte mich die reale Figur Bowers schließlich zum Charakter Bowers.

Buster Keatons närrischer Vetter vom Mars

Glaubt man zeitgenössischen Aufzeichnungen, dann muss der Bowers’sche Humor sehr eigen gewesen sein. Dieser äußerte sich mitunter in diversen Streichen sowie Späßen (auf Kosten anderer) – zudem referierte Bowers gerne über offensichtlich absurde Heldentaten (seine).
Die wenigsten nahmen ihm die Eulenspiegeleien übel. Dennoch gab es dokumentierte Nervenzusammenbrüche in seinem direkten Umfeld…

Karikatur v. Charles Bowers für das Jersey Journal, 1912
Karikatur v. Charles Bowers für das Jersey Journal, 1912

Sich in Bowers’ Gedankenwelt zu begeben, bedeutet, sich in das Wolkenkuckucksheim eines klugen Jungen hineinzudenken, der niemals erwachsen werden wollte. Seine surreal bis skurril anmutenden Filme und Animationen, die gemessen an der damaligen Zeit auf höchstem tricktechnischen Niveau waren, gewähren nur einen groben Einblick in seinen Genius. Nonsensmaschinen, metallfressende Vögel; aus Eiern schlüpfende Autos; Miezen, die aus Weidenkätzchen wachsen; ins Capitol einmarschierende Elefantenhorden oder Kakerlaken in Schottenröcken – an verrückten Einfällen mangelte es ihm nicht.

Der „Surrealist Almanac“ listet Bowers‘ Film „It’s a Bird“ als den Film, der im Jahre 1937 André Breton am meisten beeindruckt hat.

Zugleich übte er eine fein nuancierte Kritik am Zeitgeschehen; ich wage zu behaupten, er machte sich auch ein wenig über die Gesellschaft lustig – oder die Welt im Allgemeinen.
Er war seiner Zeit voraus und führte die damalige vorherrschende Meinung, eine Kamera könne nicht lügen, ad absurdum.
Ein Meister seines Fachs, war er im gleichen Maße eine tragisch-komische Person, die dennoch – zumindest über einen flüchtigen Zeitraum hinweg – eine hinreichend interessante Figur abgab, über die es sich heute zu schreiben lohnt.

Im November 2016 jährt sich sein Todestag zum 70. Mal.

Einige seine Werke gelten als verschollen. Die bisher gefundenen Filme wurden von Lobster Films restauriert und sind in digitalisierter Fassung als DVD/Bluray Combo direkt bei Lobster Films erhältlich.
Filmschnipsel finden sich auf diversen Video-Portalen im Internet, dann aber meist in schlechter Qualität.