NaNoWriMo – Eine Randnotiz

Die Tage ist es besonders schlimm.
Auf vielen Blogs und sozialen Kanälen grassiert eine Massenhysterie, voran auf Twitter. Verlagswesen, Literaten und Authoren berichten minütlich und ungefragt – unter dem Schlagwort #FBM, das klingt wie das Kürzel einer heimtückischen Nervenkrankheit.

Der junge Autor reagiert prompt mit Erregtheit. Ihm ist kein Durchscrollen der Timeline möglich, ohne an die Frankfurter Buchmesse gemahnt zu werden, an der er dieses Jahr (Ausreden hier einfügen) nicht teilnehmen kann. Doch er wird das nachholen. Im nächsten Jahr, wenn er groß herauskommt, ganz gewiss. Derweil wacht er nächtens schweißgebadet auf. Ihm träumt von lüsternen Verlagswesen, die seiner Schreiberseele nachstellen, und von Literaten beim Sex mit eigenen oder fremden Büchern.

Die Tage überbrückt er durch Ablenkung, doch zuweilen unterliegt er dem Drang, gegen den Messe-Blues anzutwittern. Ist doch Social Media das Zauberwort, sich aufzuraffen aus der Isolation am Schreibtisch, ohne sich groß bewegen zu müssen.
Gleichwohl lassen sich die Tweets der Messe-Teilnehmer nicht so einfach ausblenden, wenn sich die selektive Wahrnehmung einmal festgelegt hat –, und je mehr er von der illustren Gesellschaft mitbekommt, desto mehr entsteht in ihm der Eindruck: Jene dort feiern sich selbst und selbstlos lassen sie ihn an ihrer Selbstinszenierung teilhaben.

Während er also die Timeline abgrast, macht sich Ernüchterung breit. Irgendwann hat er nur noch ein Gähnen in den Augen.
Wie gut, denkt er, dass ich nicht ausschließlich Autoren folge, und wird eines Besseren belehrt. Lässt doch die Stille unter den „Nichtautoren“ vermuten, dass diese aus denselben Gründen Twitter fernbleiben und darum jenes reale Leben vorziehen, von dem man munkelt, dass es tatsächlich existiere.

So wird auch er zum Abstinenzler, vorübergehend.

Doch kaum ist die Karenzzeit überstanden, prangt schon das nächste Großereignis vom Kalender – an einem Monat im Herbst –, es nennt sich National Novel Writing Month, liebevoll zu NaNoWriMo verniedlicht, auf dass es klingt wie ein flauschiges Haustier.

Innerhalb eines Novembers gilt es 50000 Wörter zu produzieren.
Wozu? mag man sich fragen – die Antwort ist profan: es geht darum, in der Gemeinschaft zu schreiben.
Das ist es, denkt der junge Autor, dem es in letzter Zeit an Motivation fehlt. Er spürt vorweg eine kollektive Verbundenheit mit anderen textenden Menschen, deren Herzen im Einklang und Gleichtakt der Anschläge um Aufmerksamkeit pochen, während synchron dazu der Begriff Gruppenzwang in Signalfarbe blinkt.

50000 Wörter. Pure Wonnen jagen über seine Haut, ausgelöst durch eine fünfstellige Zahl. Weltweit ereifern sich Autoren, diese magische Hürde zu knacken –, dabei sagt Quantität doch nichts über Qualität aus.
Er hadert und mutmaßt: Wenn der schöpferische Akt des Schreibens einem Sportereignis gleichkommt, kann die Kreativität nur auf der Strecke bleiben.
Dennoch gibt es was zu gewinnen. Sponsoren – darunter die üblichen Verdächtigen – honorieren den Marathon mit vergünstigten Mitgliedschaften oder Schreibäpps, die er ohnehin schon besitzt.
Einen Merchandise-Shop gibt es jedoch auch.

Die Euphorie der ambitionierten Kollegen ist mitunter ansteckend.
Stolz wird der Fortschritt dokumentiert und die Twitter-Gemeinschaft darüber in Kenntnis gesetzt. Wieder andere posten ihren Rückstand selten bis gar nicht, dafür aber ihren Verdruss und wie dieser durch das Konsumieren von Süßigkeiten ausgeglichen wird. Wenn schon nicht die Texte an Fülle zunehmen, dann die Leibesfülle durch die überwiegend sitzende Tätigkeit als logische Konsequenz.

Er kommt schnell mit sich überein: Das ist nichts für mich.
Er kann keinen Reiz darin finden, Texte herunterzuackern wie bei einer FleißStrafarbeit.
Wozu sich diesem Druck aussetzen?, fragt sich der junge Autor.
Und während Er in seiner Schreibstube sitzt und davon träumt, dereinst den Buchpreis auf einer Messe entgegenzunehmen, widmet Er sich seinem Text, ganz ohne Zwang, reiht Wort an Wort, löscht Sätze, isst Süßes.

Und obwohl er freiwillig das Exil gewählt hat, kommt er sich vor wie ausgegrenzt.

© Síle Marlin