Es war einmal ein Kino

Es war einmal ein Kino, das hieß Astor, Gloria, Rex, Capitol, Scala oder Lux. Der Name prangte in Retro-Lettern über dem Eingangsportal; nach Einbruch der Dunkelheit signalisierte er in Leuchtschrift: »Hier geht es in die Traumfabrik!« Dorthin entfloh man dem Alltag, dorthin trug man sein kindliches Staunen, sofern man es sich als Erwachsener bewahrt hatte, und reihte sich mit anderen Kinogängern in die Schlange vor dem Kassenhäuschen, das wie eine Kaimauer in den Gehsteig ragte und den anbrandenden Besuchermassen standhielt, wann immer ein Kassenschlager gezeigt wurde. Damals, als die Blockbuster noch Kassenschlager hießen.

Die Eintrittskarten waren aus rauem Papier, die eine Ecke perforiert. Sie rochen nach Pappe und Druckerschwärze und wurden von einer Rolle abgerissen, mitunter mittels Kurbel durch einen Schlitz auf den Verkaufsteller befördert. Kinder standen auf Zehenspitzen vor dem verglasten Häuschen und beobachteten fasziniert die Herausgabe der Tickets. Diese waren »ohne Abriss ungültig«, zudem musste man sie »auf Verlangen vorzeigen«.

Anfang der 70er Jahre nahm mich meine Mutter zum ersten Mal in ein Kino mit, einem Wanderkino, das in unserem Stadtteil sein Zelt aufgeschlagen hatte. Sie zeigten Disney’s »Die drei kleinen Schweinchen«.

Drinnen: leise Musik und kein Popcorn-Gestank. Das Foyer glamourös wie das Vestibül des Film-Olymps; der Treppenaufgang flankiert von Hollywood-Ikonen; überall poliertes Holz, poliertes Chrom, klassisch im Art Deco der Nachkriegszeit. Ein anderes Kino hingegen verraucht und verrucht zugleich, mit Spiegeln an den Wänden und plüschigem Interieur. Doch so unterschiedlich sich das Ambiente der Lichtspielhäuser auch gestaltete – sie alle besaßen einen Filmsaal, der größer war als die Welt draußen.

Man saß auf gepolsterten Klappstühlen aus Holz, kleine Tischchen anbei – es gab sogar Kinos, da brachte eine Bedienung Getränke und Eiskonfekt auf Knopfdruck an den Platz. Und während man auf den Beginn der Vorführung wartete, darauf wartete, dass es dunkel wurde und Staubpartikel im Lichtkegel des Projektors tanzten, flanierte der Zeitgeist vergangener Dekaden unter dem Licht gestriger Wandlampen durch die Ränge, und die älteren Besucher sahen vor ihren geistigen Augen Wochenschauen über die Leinwand flimmern. Voller Spannung blickte man von Sperrsitz, Parkett, Loge oder Balkon zur Leinwand, davor ein Vorhang aus schwerem roten Samt, der raunte, wenn er sich endlich öffnete.

Doch Astor, Gloria und Rex verschwanden nach und nach aus dem Stadtbild. Verdrängt durch die Anspruchslosigkeit der Filmkonsumenten; verdrängt durch die Digitalisierung und den damit technischen Anforderungen; verdrängt durch die großen Filmpaläste, die diese Bezeichnung nicht verdient haben – neumodisch Multiplex genannt, das sich mit dem Wort Komplex dieselbe Silbe teilt.

Vielleicht überdauerten Capitol oder Scala als Programmkinos – die anderen aber schlossen ihre Pforten, stehen seitdem leer oder fielen der Abrissbirne zum Opfer. In allen Fällen wurden sie zuvor entbeint, das Interieur verscherbelt – darunter die Klappstühle, sie schönen heute Flure von Studenten-WGs und hippen Lofts.

Vor wenigen Wochen hat das einzige bis dahin verbliebene Programmkino hier vor Ort seine letzte Vorstellung gegeben.
Es weicht einem Drogeriemarkt.